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«Schnelllebigkeit versus Beständigkeit»

Wie bringen wir Tempo und Tradition sinnvoll in Einklang? Wo liegen die Belastungsgrenzen? Wie meistern wir den Wandel unter Wahrung unserer Werte? Solche und andere Fragen zu hochaktuellen Themen standen im Fokus der «reflecta»-Vorabendveranstaltung vom 3. September in Bern: Dr. Monika Bandi-Tanner, Forschung Tourismus, Universität Bern, Dr. Eva Roost, Herzchirurgin, Inselspital, und Dr. Eric Scheidegger, SECO, diskutierten u.a. über das Ferienressort Andermatt, über Trends in der Gesundheitsversorgung und preisliche Anreize im Verkehr. Das spannende Podiumsgespräch wurde vom Publizisten Markus Spillmann (Partner bei KMES) moderiert und fand im neuen sitem-insel-Gebäude in einem zukunftsweisenden Umfeld statt.

Andermatt sei ein gutes Beispiel für die touristische Entwicklung, das Nebenher, aber auch die Diskrepanz zwischen Wandel und Tradition, kommentierte Eric Scheidegger den am Anlass präsentierten Kurzfilm mit Kommentaren aus der dort ansässigen Bevölkerung: Die einen begrüssen Samih Sawiris Ferienressort als «global village» in den Bergen, die Anderen wollen ihr altes Dorf zurück und wehren sich gegen das Neue.

Nicht nur Gemeinden, sondern auch Bereiche wie das Gesundheitswesen sind ebenfalls vom beschleunigten Wandel geprägt: So freut sich Herzchirurgin Dr. Eva Roost über das topmoderne sitem-insel-Gebäude. Dank ausgeklügelter Technologien lassen sich Herzinfarkte heute immer besser und effizienter behandeln. Waren früher Herzchirurgen noch unbestritten anerkannt in ihrer Rolle als Lebensretter, stehen sie zunehmend unter Druck, diesen Stellenwert zu wahren, während der Patient (auch mit Hilfe von «Dr. Google») die medizinische Expertise immer kritischer hinterfragt, selbstbestimmter agiert und eine hohe Anspruchshaltung hat.

Anpassungsdruck auf hohem Niveau

Der Struktur- und auch Kulturwandel in der Arbeitswelt – verstärkt durch die fortschreitende Digitalisierung – revolutioniert ganze Branchen. Würden in anderen Ländern viel mehr Arbeitsplätze auf einmal vernichtet, findet in der wohlstandsgesegneten Schweiz gemäss Scheidegger (Foto unten) ein Anpassungsdruck auf hohem Niveau statt. Markus Spillmann sieht hier das Problem in der verstärkten Wahrnehmung der eigenen Betroffenheit; dabei bereite es zunehmend dem Individuum Mühe, die Sinnhaftigkeit von Veränderungen zu erfassen und akzeptieren.

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Dr. Monika Bandi-Tanner, Dr. Eric Scheidegger)
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Qualitätsführerschaft darf etwas kosten

Wo liegt die Belastungsgrenze durch Übertourismus in einer Region? Hierzu diskutierten die Teilnehmer, inwieweit es Sinn mache, saisonal bedingte «Stosszeiten» (auch durch Gäste aus den Fernmärkten) mit Steuerungsmassnahmen oder Regulierungen zu entzerren. Im Tourismus sei die Mobilität der eigentliche Täter. So entstehen 90 Prozent der Energiekosten durch Anreise und Transport. In Anbetracht des Klimawandels kann sich Scheidegger Lenkungsabgaben auf Treibstoff und höhere Preise auf der Angebotsseite vorstellen, wo Ressourcenverbrauch und Infrastruktur die Natur belasten. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung dürfe man aber nicht nur jammern. Die Wertigkeit und Qualitätsführerschaft der Schweiz dürfe auch etwas kosten, betonte Bandi-Tanner.

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Hausarzt-Modell fördern

Um den wachsenden Anforderungen in der Gesundheitsversorgung besser gerecht zu werden, könnten wieder vermehrt Hausärzte eine zentrale Rolle als Ansprech- und Vertrauensperson für die Patienten einnehmen. Auch zur Steuerung der Kostenentwicklung mache dieses Modell gemäss Roost Sinn: Es würde eine Triagierung begünstigen, u.a. die Notfallstationen von weniger akuten Fällen entlasten.

Behandlungen generell aus ökonomischen Gründen zu standardisierten, davon rät die Medizinerin dezidiert ab: Komplexe und langwierige Krankheiten wie Krebs bedingen nach wie vor individuelle und langfristig angesetzte Therapien. «Die Crux dabei ist, dass die meisten Menschen heute kurzfristig orientiert sind, und dann unter Zeitdruck die Nachhaltigkeit im Heilprozess nicht mehr gewährleistet werden kann.»

Im Zehnjahresvergleich würden die Gesundheitskosten stärker wachsen als die Lohnentwicklung, so Scheidegger. Um zu sparen, müssen heute auch die Geräte und Operationssäle besser ausgelastet sein. Laufende Rationalisierungsmassnahmen in den Spitälern und Praxen erhöhen den Druck auf die Akteure entlang der Wertschöpfungskette. Das dürfe aber die Qualität und Sicherheit für die Patienten nicht beeinträchtigen, warnte Roost.

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Bescheidener und demütiger werden

Im Präventivbereich werde viel gemacht, um etwa chronischen Volkskrankheiten wie Diabetes vorzubeugen. Doch leider bekommt man nach wie vor allein mit gesunder Lebenshaltung, Ernährung etc. nicht immer alles unter Kontrolle. Früher hätte hier noch eine gewisse Schicksalsergebenheit geherrscht. Roost und Spillmann (Foto rechts) appellierten dafür, dass die Menschen sich wieder mehr in Bescheidenheit und Demut üben.

Nicht nur die Schweizer Spitallandschaft wird redimensioniert, auch das Verkehrswesen ist in Bewegung. Bedingt durch die Knappheit der Kapazitäten, wo der Staat sein Leistungsversprechen nicht mehr einhalten kann und die SBB am Anschlag ist, sei auch etwas mehr Selbsteinschränkung der Bürger angebracht. Mit dem Generalabonnement können heute alle unbegrenzt überall hinreisen. Während die Ansprüche an die Mobilität wachsen, würden die vielen Möglichkeiten aber nicht nur berufsbedingt genutzt. «Ist die NEAT etwa eine Fehlinvestition», fragte Spillmann. Beispielsweise sei der Zug nach Lugano immer voll mit Personen, die zu 60 Prozent aus Freizeitgründen dorthin fahren.

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«Mobilität ist viel zu billig»

«Wir haben eine ausgezeichnete Infrastruktur, die offensichtlich an ihre Grenzen stösst», doppelte Scheidegger nach. Die Mobilität sei viel zu billig. Es wäre ein mutiger Schritt, nicht immer nur auf Angebots-, sondern auch auf Nachfrageseite ökonomisch den Hebel anzusetzen. Hier sei die Verkehrs- und Sozialpolitik auseinanderzuhalten bzw. der Fokus mehr auf Personen- statt auf Objekt-Förderung zu richten und weniger nach dem Giesskannenprinzip vorzugehen.

Weiter diskutierten die Teilnehmer am Podium über den Wertewandel. Gemäss Scheidegger sind Schweizer Tugenden wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Vertrauenswürdigkeit für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ganz wichtig und wertvoll. Mit Vertrauen als Basis könne man zudem auf viele Regulierungen verzichten.

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Mehr Zukunftsthemen für die Jungen aufgreifen

Wie reformwillig ist die Schweiz überhaupt noch mit einer immer älter werdenden Gesellschaft, wo die Stimmbürger durchschnittlich Mitte 50 sind? «Die grauen Panter gestalten die Zukunft der Jungen», so Bandi. Es sei ein Armutszeugnis der «wohlstandsreichen» Schweiz, alles Altersbezogene abzusichern und sich bei den Themen für die Jungen so schwer zu tun. «Und ein Nullwirtschaftswachstum kann sich das Land nicht leisten, weil es Innovationen verhindern und Stillstand bedeuten würde», betonte Scheidegger am reflecta-Anlass.

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Wir bedanken uns herzlich bei den Gästen für die Teilnahme an unserem Vorabendevent

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